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MoselweiĂź als Ziel des Luftkriegs 1944
von Dr. Hans Wilhelm Stupp (Moselweiss Ortsgeschichtliche Skizzen 1983)
Der 19. April 1944 wird von den Historikern – so auch die Überschrift eines eindrucksvollen Rückblicks in der Rhein-Zeitung vom 17. April 1984 – als „Anfang vom Ende der Stadt Koblenz“ angesehen. Viele unserer Mitbürger haben die Bombenteppiche noch selbst miterlebt; sie werden aus eigener Erinnerung dem, was hier zusammengetragen worden ist, manches hinzufügen können. Der jungen Generation aber, welche die Schrecknisse des Krieges erfreulicherweise nur vom Hörensagen kennt, soll mit diesem Beitrag ein wichtiger Abschnitt unserer Geschichte bewusst gemacht werden. Mehrere gedruckte Zeugnisse des Luftkrieges beleuchten eindrucksvoll das damalige Geschehen: Helmut Schnatz hat in seinem als Band 4 der Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz im Jahre 1981 erschienenen umfassenden Werk: „Der Luftkrieg im Raum Koblenz 1944/45“ auch den für Moselweiß so folgenschweren Angriff vom 19. April behandelt (Seiten 93 ff.). Verwiesen sei der Leser ferner auf Bellinghausen. „2000 Jahre Koblenz“ (Seiten 325 ff.). Daneben haben unsere Salesianerinnen in ihrer zum Jubiläum des Jahres 1963 veröffentlichten „Geschichte des Klosters von der Heimsuchung Mariä“ die Kriegsereignisse ausführlich beschrieben (Seiten 69ff.), wobei vor allem der weitere schwere Angriff vom 22. Dezember im Vordergrund steht. Schnatz schreibt zum 19. April 1944: „Um 10.43 Uhr gaben die Sirenen Fliegeralarm, und nicht lange danach tauchten in dem strahlenden Sonnenwetter die ersten Verbände vom Osten her auf. Wie üblich stand man auch diesmal wieder überall an den Fenstern und auf den Straßen und starrte gebannt himmelwärts. Plötzlich lösten sich aus einem Verband zwei weiße Streifen und stürzten in einer steilen Parabel zu Boden. Dieses in Koblenz bisher unbekannte Phänomen ließ die Zuschauer in helle Aufregung geraten – aber in Moselweiß ging die Begeisterung über einen vermeintlichen Flugzeugabsturz in Sekundenschnelle im Getöse des ersten Bombenteppichs unter, der im Zweiten Weltkrieg Koblenzer Stadtgebiet traf. Die Schaulustigen waren ein Opfer ihrer Unerfahrenheit mit den Taktiken des Luftkrieges geworden, und die ersten bezahlten ihre Neugier mit dem Leben. Der „Flugzeugabsturz“ war das Rauchzeichen des Leitbombenschützen zum Abwurf des Teppichs gewesen.“ Bei diesem Angriff erhielt der Güterbahnhof Mosel 28 Treffer; vier gingen in den Lokomotivschuppen. Die Eisenbahnanlagen waren das Ziel der Bombe. Ungefähr 100 Bomben verwüsteten den Moselweißer Friedhof. Insgesamt waren 34 Häuser total, 14 schwer und neun mittelschwer zerstört. 74 hatten schwere, neun mittlere und 74 leichte Schäden; etwa 280 Menschen waren obdachlos geworden. Der Luftangriff forderte 23 Menschenleben; die meisten von ihnen waren in den Häusern Koblenzer Straße Nr. 35, 43, 48, 51 und 78 umgekommen. Drei Menschen starben im Dominikanerinnen-Kloster. In den Pfarrakten von Moselweiß im Trierer Bistumsarchiv (Abt. 70 Nr. 2953 II) habe ich zwei maschinenschriftliche Berichte gefunden, die kurz nach Kriegsende von der Oberin der Dominikanerinnen und vom Konvent der Schwestern von der Heimsuchung an das Generalvikariat in Trier gesandt worden waren. aus ihnen möchte ich, soweit darin die Kriegsfolgen in den beiden Moselweißer Klöstern geschildert werden, einige Abschnitte wiedergeben. Der Bericht von Oberin Schw. Brigitta Kullmann bezieht sich in erster Linie auf den hier im Vordergrund stehenden Angriff vom 19. April, das Schreiben der Salesianerinnen im wesentlichen auf den zweiten schweren Luftangriff vom 22. Dezember 1944. Beide sprechen für sich. Zunächst einen Auszug aus der Schilderung der Dominikanerinnen vom 24. Mai 1946; deren Haus stand bekanntlich dort, wo sich heute das Wohngebiet „Im Fronwingert“ befindet. „Am 19. April 1944 wurde das dicht an der Straße gelegene Vorderhaus durch eine Sprengbombe zerstört. Zwei Stockwerke wurden vollständig abgerissen, die beiden unteren Stockwerke so schwer beschädigt, dass sie unbewohnbar blieben bis zum März dieses Jahres. Wir verloren dabei einen Teil der Krankenstation (15 Betten), Bestrahlungs- und Inhalations-Abteilung, sowie sämtliche Schlafräume der Angestellten mit Inventar. Außerdem ging je eine Sprengbombe neben dem Haus- und Stallgebäude nieder. Es entstand beträchtlicher Dach- und Fensterschaden an beiden Gebäuden. Der Hofraum wurde ebenfalls stark beschädigt, wodurch die sanitären Anlagen des Hauses weitgehendst zerstört wurden. Im Bereich unseres Krankenhauses fielen beim Angriff auf Koblenz 15 Sprengbomben. Zwei trafen die Rückseite des Hauptgebäudes vom Dachfirst durch 4 Stockwerke bis zum Fundament. Die Arbeits- und Schlafräume der Schwestern wurden total zerstört, die Wohnung des Hausgeistlichen, Kapelle und Krankenstation teilweise, aber sehr schwer. Sämtliche Decken und Wände, Türen und Fenster des Hauses wurden stark beschädigt. Ein großer Teil des Mobiliars ging verloren. Im Gartengelände gingen 9 Sprengbomben nieder, von denen drei das Oekonomie-Gebäude vollständig in einem Trümmerhaufen verwandelten. Zwei dort weilende Schwestern wurden getötet. Wir verloren den gesamten Viehbestand, dazu Wagen, landwirtschaftliche Geräte und Maschinen. Der Gesamtschaden beläuft sich auf 250.000 bis 300.000 Mark. Der Wiederaufbau hat begonnen.“ Der Bericht der Salesianerinnen an das Generalvikariat, datiert ebenfalls vom 24. Mai 1946, lautet in seinen wesentlichen Auszügen, soweit sie sich auf das Kriegsgeschehen beziehen: „Das Kloster der Schwestern von der Heimsuchung Mariä wurde am 22. Dezember 1944 durch Sprengbomben und Brand fast vollständig zerstört. Von Kapelle, Chor, Refector und den angrenzenden Räumen stehen nur noch die äußeren Umfassungsmauern. Das große Zellenhaus erhielt einen Volltreffer, so dass im Laufe der letzten Monate des Jahres 1945 nur einige Zellen notdürftig bewohnbar gemacht werden konnten. Die schwere Sprengbombe schlug bis zum Keller durch und tötete hier 37 Menschen. Die 36 Schwestern des Hauses befanden sich in einem anderen Keller, der – an und für sich nicht so sicher – nicht direkt von Bomben getroffen wurde; so kamen alle Schwestern heil aus dem Keller. Der Flügel des Klosters, in dem sich vor 1939 Schule und Internat befanden, ist vollständig bis auf die Grundmaueren zerstört. Der holzgeschnitzte Hochaltar der Kapelle, die Kirchenbänke, die Orgel, die Chorstühle der Schwestern, der größte Teil der Einrichtung des Refectors, der Sakristei, der Bibliothek, des Pensionates, der Zellen und der verschiedenen Amtsräume des Klosters gingen durch Brand verloren, ein Teil des geretteten Inventars wurde später noch gestohlen. Die Schwestern hatten für einige Tage Aufnahme gefunden auf dem Kemperhof, Koblenz, sahen sich dann aber – um einer zwangsweisen Evakuierung nach Thüringen zu entgehen – genötigt, einen Zufluchtsort in Bayern aufzusuchen. Einige Schwestern hatten voläufig Unterkunft gefunden bei Verwandten. Die Übrigen fanden gütige Aufnahme in einem Kloster ihres Ordens in Pielenhofen bei Regensburg. Seit 25. April 1945 leben wieder einige Schwestern im zerstörten Kloster in Moselweiß, zuerst drei, dann ab 15. Juni bis heute wieder 20. Dieser aus Pielenhofen heimgekehrte Teil des Konventes bemüht sich nun um den Wiederaufbau des nötigsten Wohnraumes. 15 Schwestern weilen noch in Pielenhofen, da eine Rückkehr aller noch nicht möglich ist. Seit Juni 1945 beteiligen sich die Schwestern an allen Aufräumungsarbeiten. Einige stehen mit der Maurerkelle auf dem Gerüst, andere sind als Handlangerinnen tätig. Denn an Arbeitern stehen dem Kloster nur zwei Maurer und 3 – 4 Handlanger zur Verfügung. Der Bau des Zellenhauses ist bereits hochgeführt. Leider fehlt es hier dringend an Holz für Fußböden, Fenster und Türen. Die Schwestern beabsichtigen, in diesem Teil des Hauses ab Ostern 1947 ihre seit 1939 geschlossene Mittelschule mit Internat für etwa 30 – 40 Schülerinnen wieder zu eröffnen.“ Beide Berichte unserer Ordensschwestern, die ja – ebenso wie bis vor einem guten Jahrzehnt die Borromäerinnen im Kemperhof – unsere Moselweißer Mitbürgerinnen waren und den Krieg daher gemeinsam mit dem Ort erduldet haben, geben ein plastisches Bild von Leid und Zerstörung in schlimmer Zeit.
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