MoselweiĂź und der Kaiser Caligula

von Dr. Hans Wilhelm Stupp

Im Jahr 1998 in der Rhein-Zeitung veröffentlichten Beitrag über „Moselweiß in alten Reiseführern“ wurden mehrere im 19. Jahrhundert erschienene Mosel-Bücher zitiert, die unser Moselweiß als Geburtsort des römischen Kaisers Caligula bezeichneten. Dies wiederum war Anlass für Fragen von Mitbürgern, ob denn der Hinweis der Reiseschriftsteller tatsächlich zutreffe. Ich möchte nachstehend darauf eine Antwort versuchen.
Hintergrund der mehrfachen Mitteilung an den Moselreisenden im vorigen Jahrhundert, dass bei oder sogar in Moselweiß der bekannte römische Kaiser zur Welt gekommen sei, ist folgender: Das „Castellum apud Confluentes“, also das am Zusammenfluß von Rhein und Mosel gegründete Römerkastell, war im ersten Jahrhundert seiner Existenz ein noch unsicherer Besitz, weil stets Überfälle der rechtsrheinischen Germanenstämme befürchtet werden mussten. Dr. Hans Bellinghausen, der langjährige frühere Direktor des Koblenzer Stadtarchivs, hat in seinem Buch: „2000 Jahre Koblenz“, das seit 1914 mehrere Auflagen verzeichnete und zuletzt im Jahre 1950 erschien, erzählt, dass römische Beamten- und Offiziersfamilien, um der Gefährdung zu entgehen, ihren Wohnsitz in ein auf der Höhe des heutigen Stadtwaldes gelegenes Trevererdorf verlegten. Bellinghausen („2000 Jahre Koblenz“, 4, Aufl. 1950, Seiten 51 ff., hier insbesondere S. 68) schilderte anschaulich, dass dort oben – also unweit von Moselweiß – angeblich bald „eine römische Villa nach der anderen“ entstand. Er folgt damit einem Beitrag von Dr. R. Bodewig in der Westdeutschen Zeitschrift für Geschichte und Kunst 1898 S. 223 ff., in dem es heißt, „wo eine Villa die andere ablöste“.
Nun schrieb der römische Geschichtsschreiber Plinius Secundus der Ältere in seiner – nicht erhaltenen – Darstellung der Germanenkriege, der Kaiser Gaius Caligula, der von 37 bis 41 n. Chr. regierte, sei in einem „Vicus Ambitarvius supra Confluentes“, also oberhalb eines Zusammenflusses, möglicherweise des Römerkastells Confluentes, geboren, und zwar im Jahre 12 n. Chr. Diese Nachricht wird von dem Schriftsteller Tranquillus Suetonius in seinem „Leben des Caligula“ wiedergegeben, allerdings mit dem Hinweis, zwar seien zwei Töchter des römischen Feldherrn Germanicus in der Umgebung von „Confluentes“ geboren, nicht aber sein Sohn Caligula; dieser habe in Antium südlich von Rom in der Region Latium gelegen – das Licht der Welt erblickt.
Dessen ungeachtet möchte Bodewig in seinem zitierten Aufsatz den von Plinius genannten „Vicus Ambitarvius“ - so wörtlich – in der Nähe von Koblenz suchen. Dabei geht er davon aus, dass in unserem Stadtwald tatsächlich eine Reihe von Villen römischer Offiziere und Beamter in den ersten Jahrzehnten nach Christi Geburt existiert habe. Die kaiserliche Prinzessin Agrippina die Ältere, Ehefrau von Germanicus und Mutter Caligulas, die ihren Mann nach Germanien begleitete, konnte – so Bodewig – ihren Wohnsitz in schwerer Stunde nur dort aufschlagen, wo ihr der gewohnte Komfort nicht völlig fehlte und sie den Feinden nicht allzu nahe war; dies spreche für den Koblenzer Stadtwald als Geburtsort des Kaisers. Ihm folgt in dieser Einschätzung der bereits erwähnte Dr. Bellinghausen; er hält die Geburt Caligulas in „Hoch-Koblenz“ zumindest für denkbar.
Weiter ist in diesem Zusammenhang ein Beitrag von Johann Gertz vom Oktober 1771 (Stadtarchiv Koblenz) über „Ursprung und ältesten zustand der Stadt Coblenz“ interessant, der sich kritisch mit einer zuvor veröffentlichten Schrift auseinandersetzt. Darin war die Ansicht vertreten worden, Caligula sei im römischen Winterlager an der Saar zur Welt gekommen. Gertz ist der Meinung, mit dem von Plinius genannten „Vicus Ambitarvius“ (er nennt es vicus Ambitarinus) supra Confluentes“ könne nur unser Koblenz gemeint sein. Plinius sei umso glaubwürdiger, als er die in seinem Buch erwähnten Altäre oder Denkmäler („Aras“) „ob Agrippinae puerperium“ (d.h. für die Niederkunft Agrippinas) mit eigenen Augen gesehen habe.
Diesen Hinweisen haben sich offenkundig später die erwähnten Reiseschriftsteller angeschlossen und damit in oder bei Moselweiß den Geburtsort Caligulas gesucht.
Stimmt das nun wirklich? Ich habe diese für uns ortsgeschichtlich besonders interessanten Gegebenheiten zum Anlass genommen, das im Stadtarchiv vorhandene Schrifttum nochmals durchzusehen und Klärung unserer Frage auch die freundliche Hilfe von Stadtarchivar Hans Josef Schmidt gefunden, der – wie stets – bei der Literatursuche außerordentlich hilfreich war.
Was zunächst die Existenz einer römischen Villensiedlung im Stadtwald angeht, sind – was – die ersten Jahrzehnte v. Chr. betrifft, bereits Zweifel angezeigt. In dem 1971 neu herausgegebenen Buch: „2000 Jahre Koblenz“ (Seite 51) wird eine Villensiedlung als solche bezweifelt. Neuerdings hat Dr. Hans-Helmut Wegner, Leiter der archäologischen Denkmalpflege in Koblenz, in einem Beitrag für das 1992 erschienene Werk „Geschichte der Stadt Koblenz“ (Band 1 Seite 54) auf Grund der Grabungen seines Amtes zwar die Existenz römischer Villen im Stadtwald bestätigt. Auf Anfrage hat Wegner mir jetzt allerdings mitgeteilt, sämtliche dieser „Villen“ kämen als Geburtsstätte des Kaisers allein deshalb nicht in Betracht, weil sie frühestens in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. entstanden seien. Caligula ist jedoch unstreitig bereits im Jahre 12 n. Chr. geboren.
Aber nicht allein dieses: Wie schon Sueton, der Römer, vertritt der Bonner Universitätsprofessor Th. Bergk in einem 1876 in den Jahrbüchern des Vereins von Altertumsfreunden im Rheinlande (Heft LVII) die eindeutige Meinung, Caligula sei nicht in oder bei Koblenz zur Welt gekommen. Sein Fazig lautet: „Caligula ist den 31. August des Jahres 12 zu Antium geboren, wie Sueton aus dem römischen Staatsanzeiger berichtet, der in solchen Dingen volle Glaubwürdigkeit beanspruchen darf.“
Zur Begründung macht Bergk weiter darauf aufmerksam, dass der „Vicus Ambitarvius im Lande der Treverer“ in der römischen Literatur überhaupt nur einmal – und zwar von Sueton unter Berufung auf den älteren Plinius – erwähnt werde. In diesem Dorf sei nur die ältere Tochter des Germanicus geboren, die wie ihre Mutter den Namen Agrippina erhielt. Diese war im Übrigen die spätere Ehefrau des Kaisers Claudius, Gründerin der Colonia Agrippinensis (=Köln) und Mutter des Kaisers Nero.
Wo aber lag dieser „Vicus Ambitarvius“? Mit dieser Frage setzt sich Bergk unter Abwägung der verschiedenen Möglichkeiten einer geographischen Zuordnung ausführlich auseinander. Nach seiner Beurteilung sprechen viele Gesichtspunkte gegen die Gegend von Koblenz, vielmehr müsse man ihn nicht am Ufer des Rheins, sondern der Mosel suchen. Hier aber gebe es – jedenfalls nach Meinung von Bergk - „keine Stelle, auf welche die Beschreibung des Plinius so gut passt als Conz (=heute Konz), auf einem massigen Hügel unmittelbar am Zusammenfluss (Confluentes!) der Saar und Mosel gelegen.“
Ob der Hinweis auf Konz zutrifft, mag dahingestellt bleiben. Bergk jedenfalls schließt seinen Aufsatz wie folgt: „Die hier vorgetragene Ansicht über die Lage des vicus Ambitarvius beruht auf sorgsamer und unbefangener Erwägung aller Momente, wird jedoch schwerlich überall günstige Aufnahme finden. Coblenz büßt das älteste Zeugnis für seine Existenz ein und sinkt wieder in das Dunkel, was seine Anfänge verhüllt, zurück; Agrippina bleibt zwar als Gründerin der römischen Colonie der ersten Stadt des Niederrheins (=Köln) verbunden, aber gehört der Ara Ubiorum (=wiederum Köln) nicht durch Geburt an, ohnedies eine zweifelhafte Ehre, da die jüngere Agrippina ihrer edlen Mutter (d.h., der gleichnamigen Ehefrau des Germanicus) durchaus unähnlich war. Indes eine gewissenhafte Forschung geht nicht darauf aus, einen an sich löblichen Localpatriotismus zu befriedigen, sondern sucht lediglich die Wahrheit zu ermitteln.“
Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass es zumindest sehr zweifelhaft ist, den Koblenzer Stadtwald als Geburtsort des Kaisers Caligula anzusehen. Auch Moselweiß wird dich dessen also kaum rühmen können. Im Übrigen gilt für Caligula dasselbe, was Bergk über dessen Schwester Agrippina sagt: Es wäre für Koblenz eine recht zweifelhafte Ehre, ihn als Seinigen zählen zu können. Der Kaiser wird von den Geschichtsschreibern als autokratisch, launisch und verschwendungssüchtig gekennzeichnet. Den Beinamen „Caligula“ hatten die römischen Legionäre dem Gaius Julius Caesar Germanicus als kleinem Jungen gegeben, mit denen er seit frühester Kindheit gemeinsam im Heerlager lebte. Übersetzt lautet er: „Stiefelchen“.
Mosella Kirmesheft 1999